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Die Wirkung von Medikamenten


Tabletten und Diabetes mellitus Typ 2

Hier werden die einzelnen Medikamentengruppen detailliert vorgestellt. Sie erhalten einen Überblick über Produktenamen, Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Präparaten, Dosierungen und mögliche Nebenwirkungen. Aufgeführt sind hier aber ausschliesslich die oralen Diabetesmittel, also solche, die Sie als Tablette einnehmen.


Die verschiedenen Medikamentengruppen

Wichtig: bei den Medikamentengruppen 1 bis 4 tritt die Wirkung nicht sofort ein, das heisst, es braucht meist 2 bis 4 Wochen, bis der Erfolg der Therapie beurteilt werden kann. Nicht alle Medikamente wirken bei allen Betroffenen gleich gut, da es individuelle Unterschiede gibt und die Krankheitsstadien selten dieselben sind.


1. Medikamente, die zu einer Gewichtsverminderung beitragen.

Zu dieser Medikamentengruppe gehören Xenical® und Reductil®. Xenical vermindert die Aufnahme von Fetten aus dem Darm in das Blut. Durch das Einhalten einer sehr fettarmen, gesunden und kalorienreduzierten Ernährung wird die Gewichtsabnahme gefördert.

Reductil wirkt über Gehirnzentren zur Verminderung des Appetites, Die Einhaltung einer gesunden und kalorienreduzierten Ernährung ist ebenfalls notwendig.

Xenical muss jeweils vor/zu den Mahlzeiten eingenommen werden. Die Tabletteneinnahme wirkt für ca. 2 (bis 3) Stunden im Darm. Das Znüni ist somit nicht abgedeckt. Das Medikament wird praktisch nicht in die Blutbahn aufgenommen. Als Nebenwirkung treten vor allem bei zu fettreicher Ernährung dünne Stuhlentleerungen auf. Mit dem Medikament Reductil wird auf Hirnebene das Sättigungsgefühl erhöht, so dass es zu einer verminderten Nahrungsaufnahme kommt. Üblicherweise wird eine Kapsel pro Tag eingenommen. Eine gute ärztliche Kontrolle und Führung ist notwendig.


2. Medikamente, die die Aufnahme von Glucose im Darm verlangsamen und damit den Glucoseanstieg im Blut verzögern.

Glucobay und Diastabol sind die Vertreter dieser Medikamentengruppe (alpha Glucosidasehemmer). Die meisten mit der Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate liegen als komplexe Kohlenhydrate vor (pflanzliche Stärke = viele miteinander verknüpfte Glucosemoleküle). Diese müssen im Darm erst noch zu einzelnen Glucosemolekülen abgebaut werden. Diese Aufgabe wird von Enzymen übernommen. Glucobay und Diastabol hemmen nun diese Enzyme an den Darmzotten, so dass die Aufnahme von Zucker langsamer erfolgt. Die beiden Medikamente werden in der Regel vor jedem kohlenhydrathaltigen Essen eingenommen. Sie lassen sich mit jedem der anderen Medikamente kombinieren. Als Nebenwirkungen können Blähungen und Völlegefühl auftreten. Falls der Blutzucker in Kombination mit anderen Medikamenten zu tief abfällt (Hypoglykämie), müssen Sie Traubenzucker und nicht komplexe Kohlenhydrate (Brot) einnehmen. Tägliche, körperliche Aktivität wichtig


3. Medikamente, die die Glucoseproduktion der Leber bremsen und die Aufnahme von Glucose in die Zellen fördern.

Glucophage, ein Medikament der Gruppe der Biguanide, das seit über 40 Jahren benutzt wird, hat die Fähigkeit, in der Leber die Bildung von Glucose zu bremsen und gleichzeitig die Glucoseaufnahme in die Muskelzellen zu fördern.

Bei Übergewichtigen kommt es häufig zusätzlich zu einer Gewichtsreduktion. Durch dieses Medikament lassen sich die erhöhten Nüchternwerte des Blutzuckers am Morgen gut beeinflussen. Hypoglykämien (Unterzuckerungen) treten nicht auf. Ein Blutzuckeranstieg wird verhindert.

Es besteht auch ein positiver Einfluss auf die Blutfette. Unter gewissen Umständen kann Glucophage auch beim insulinabhängigen Diabetiker zusätzlich zur Insulintherapie verwendet werden. Je nach Stärke (Glucophage mite oder forte) nehmen Sie zwei oder drei Tabletten am Tag ein, entweder über den Tag verteilt oder am Abend. Am besten ist es jedoch, wenn Sie sie mit dem Essen einnehmen. Auch hier können in gewissen Fällen am Anfang der Therapie Blähungen, Durchfall, Appetitlosigkeit oder Magenbrennen auftreten. Doch in der Regel wird dieses Medikament sehr gut vertragen.

Glucophage kann idealerweise in Kombination mit den anderen Medikamenten eingenommen werden. Ihr Arzt wird jedoch abklären, ob keine Nierenfunktionsstörung vorliegt. Bei Übelkeit, vor Röntgen-Kontrast-Untersuchungen und Operationen sowie schweren Erkrankungen müssen Sie das Medikament absetzen. Allenfalls müssen Sie auch eine Ergänzung mit Vitamin B12 vornehmen.


4. Medikamente, die den Fettstoffwechsel und die Glucoseverarbeitung in der Zelle beeinflussen und damit zu einer verbesserten Insulinwirkung beitragen.

Actos und Avandia sind die Vertreter dieser neuen Medikamentengruppe (Glitazone), die über eine Veränderung des Fettsäurestoffwechsels in der Zelle wirken und so das Gleichgewicht zu Gunsten des Glucoseumsatzes verändern.

er Blutzuckerspiegel im Blut sinkt. Es ist aber notwendig, dass der Organismus noch selber Insulin produziert, damit die Wirkung eintritt.

Actos nehmen Sie einmal täglich zu 30 mg (1 Tablette) ein. Vielleicht müssen Sie die Dosierung auf 45 mg erhöhen. Je nach den erreichten Blutzuckerwerten sollten Sie das Medikament zusätzlich mit Glucophage kombinieren. Als Nebenwirkungen können eine Gewichtszunahme sowie Wassereinlagerungen in den Beinen vorkommen. Auf jeden Fall stellt Ihr Arzt vor und während der Therapie sicher, dass Ihre Leberwerte in Ordnung sind.

Auch Avandia nehmen Sie einmal täglich (1 Tablette zu 4 mg) ein. Allenfalls benötigen Sie eine Erhöhung der Dosis auf 8 mg (1 x 8mg oder 2 x 4mg). Auch hier besteht die Gefahr einer Gewichtszunahme und von Wassereinlagerungen. Ausserdem können sich die Blutfettwerte verändern.

Avandia können Sie ebenfalls mit Glucophage kombinieren, falls die Zielwerte der Stoffwechselkontrolle nicht erreicht werden. Vor und während der Therapie sind auf jeden Fall die Blutfett- und Leberwerte gelegentlich zu kontrollieren. Eine gleichzeitige Insulintherapie sollte bei der Einnahme von Avandia sicherheitshalber nicht durchgeführt werden.


5. Medikamente, die die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse mit kurzer oder langer Wirkung ankurbeln und damit die Insulinmenge erhöhen.

Starlix und Novonorm sind die Vertreter der kurzwirksamen, Glinide genannten Stoffe. Starlix hat eine sehr kurze Wirkdauer und eignet sich gut vor allem zur Behandlung der Frühphase des Diabetes mellitus Typ 2. Es lässt sich gut mit Glucophage kombinieren und wird als Tablette (120 mg) vor jeder Hauptmahlzeit eingenommen, wodurch in erster Linie die Blutzuckerwerte unmittelbar nach der Mahlzeit beeinflusst werden.

Hypoglykämien sind sehr selten, können jedoch bei einer intensiven körperlichen Tätigkeit nach der Mahlzeit auftreten.

Das Sicherheitsprofil ist gut. Eine Gewichtszunahme wird nicht beschrieben. Starlix kann nach einer Therapie mit Sulfonylharnstoffen (Amaryl, Diamicron etc.) oder Novonorm nicht verabreicht werden, da seine Wirkung für ca. zwei Monate ungenügend wäre. Die blutzuckersenkende Wirkung von Novonorm kann, je nach Dosierung, etwas länger anhalten. Auch hier ist das Ziel, den Blutzuckerwert nach dem Essen günstig zu beeinflussen.


Die übliche Dosierung beträgt 1mg jeweils vor den Mahlzeiten, kann aber bei ungenügender Wirkung schrittweise auf maximal 4 mg erhöht werden. Auch Novonorm lässt sich mit Glucophage kombinieren.

Das Medikament kann bei intensiver körperlicher Tätigkeit nach der Mahlzeit zu einer Hypoglykämie führen. Mahlzeiten dürfen Sie nach der Einnahme von Novonorm nicht auslassen.

Sie sollten besonders beim Lenken eines Fahrzeuges oder Bedienen von Maschinen vorsichtig sein nach der Einnahme. Diese Vorsichtsmassnahme gilt für alle blutzuckersenkenden Therapien.

Amaryl und Diamicron sind die zwei häufigsten Vertreter der Sulfonylharnstoffe. Beide Substanzen sind bewährt in der Therapie des Diabetes mellitus. Bei Diamicron wird eine zusätzliche Wirkung auf die Blutgerinnung festgestellt. Bei Amaryl wird die Glucoseaufnahme an den Zellen  zusätzlich gefördert. Euglucon, Daonil und Glutril sind weitere Vertreter. Die Betazellen der Bauchspeicheldrüse werden durch diese Medikamente zu einer vermehrten Insulinausschüttung angeregt.


Amaryl hat den Vorteil, dass die Wirkdauer nach der einmaligen Einnahme einer Tablette in der Regel den ganzen Tag anhält. Die übliche Dosierung beträgt 1 Tablette à 2 mg pro Tag, meist mit der ersten Hauptmahlzeit. Die Maximaldosis von 6 mg/Tag dürfen Sie keinesfalls überschreiten! Die Dosierung kann allenfalls später reduziert werden, es ist also wichtig, dass Sie Ihren Blutzucker regelmässig kontrollieren.

Diamicron nehmen Sie als Tablette zu 80 mg jeweils morgens und abends ein. Auch hier sollten Sie die maximale Dosis von 4 Tabletten nicht überschreiten. Beide Medikamente lassen sich mit Glucophage kombinieren. Sämtliche Vertreter der Sulfonylharnstoffe können zu Hypoglykämien führen, wenn Sie nach der Einnahme zu wenig essen oder sich intensiv körperlich betätigen.Wenn Sie sich stärker als üblich bewegen, sollten Sie die Dosis vor der Mahlzeit reduzieren oder ganz weglassen. Auch Alkohol kann zu einer Unterzuckerung führen. Besonders vorsichtig sollten Sie sein, wenn Sie an einer schweren Herz-Kreislauferkrankung, einer Nieren- oder Leberfunktionsstörung leiden.

Die Symptome einer Unterzuckerung können gelegentlich trotz Gegenmassnahmen andauern oder auch nach ihrem Abklingen wieder auftreten. Ganz wichtig ist also in jedem Fall eine regelmässige Selbstkontrolle Ihres Blutzuckers, damit Sie mit Ihrem Arzt besprechen können, wie Sie auf die Medikamente ansprechen.

Auch hier gilt natürlich, dass Sie beim Lenken eines Fahrzeuges und beim Bedienen von Maschinen vorsichtig sind. Falls Sie wegen einer Erkrankung (z.B.Magen-Darmgrippe) nichts essen können, sollten Sie diese Medikamente für diese Zeit auch nicht einnehmen.

Diese Medikamentengruppe zeigt nur für einige Jahre eine Wirkung. Später muss infolge des fortschreitenden Krankheitsverlaufes die Medikation umgestellt werden. Meist ist dann Insulin notwendig.


Medikamentenkombinationen

Da die verschiedenen Medikamente einen unterschiedlichen Angriffspunkt im Stoffwechsel haben, ist es sinnvoll, Kombinationen möglichst früh einzusetzen. Es erhöht sich damit leider die Pillenzahl, aber auch die Effektivität der Therapie wird erhöht. Eine frühzeitige Kombination verschiedener Wirkgruppen ist besser als die maximale Dosierung eines einzelnen Medikamentes. Ihr Hausarzt wird Sie dazu gerne beraten und allenfalls einen Diabetologen zuziehen.


Dosierung und Nebenwirkung der angegebenen Medikamente

Ziel der Medikamenteneinnahme ist es, den Blutzucker zu senken. Damit diese gewünschte Wirkung eintritt, ist es wichtig, nicht zuviel oder zuwenig des Wirkstoffes einzunehmen. Nebenwirkung treten häufig auf, da es zur Zeit meist noch nicht möglich ist, gezielt auf molekularer Ebene in die Zellprozesse einzugreifen, ohne verschiedene Gleichgewichte zu stören. Lesen Sie immer zuerst die Packungsbeilage, und besprechen Sie Unklarheiten oder neu aufgetretene Symptome mit Ihrem Arzt.


Wir haben Ihnen in diesem Artikel eine Übersicht über die oralen Antidiabetika geboten, die sich für die Behandlung der verschiedenen Verlaufsformen und -phasen des Diabetes mellitus Typ 2 eignen. Eine Kombination verschiedener Wirkstoffe ist nicht nur empfehlens- sondern sogar wünschenswert. Manchmal eignen sie sich aber auch als Ergänzung zu einer Behandlung mit Insulin. Über diese Therapieform werden wir Sie in einem nächsten Artikel eingehender informieren.


Optimale Einstellung dank Blutzuckerkontrolle

Die einzige Möglichkeit, wie Sie über die Qualität Ihres Stoffwechsels Auskunft erhalten, ist die Selbstkontrolle Ihres Blutzuckers zu verschiedenen Zeiten. Urinzuckerkontrollen sind veraltet und haben nur einen sehr beschränkten Aussagewert. Therapeutische Massnahmen können damit nicht optimiert werden.

Eine Blutzuckerselbstkontrolle dient erstens der Dokumentation, dass durch die durchgeführten Therapien das Ziel einer möglichst guten Stoffwechsellage erreicht wird. Zweitens hilft Ihnen jeder Blutzuckerwert ausserhalb der  Norm zu erkennen, wieso der Blutzucker zu hoch oder zu tief geraten ist.

Nur durch diese Erfahrung können Sie eine Verbesserung erreichen, indem Sie Ihr Essverhalten, Ihre körperliche Aktivität und die Medikamente richtig aufeinander abstimmen. Ich empfehle Ihnen, jeweils vor und 60 bis 90 Minuten nach dem Essen eine Blutzuckerkontrolle durchzuführen.

Dies muss je nach Intensität der Therapie und Stoffwechselverlauf täglich, mehrmals wöchentlich (Beispiel: einmal zum zMorge, am nächsten Tag zum zMittag und am dritten Tag zum zNacht) oder sporadisch durchgeführt werden.

Eine Kontrolle des HbA1c beim Hausarzt oder Diabetologen ist sinnvoll. Auch dieser «Langzeitzucker» muss möglichst normnah sein, damit die gefürchteten Komplikationen vermieden oder hinausgeschoben werden können.


Dr. med. Frank Achermann, Schwerpunktpraxis Diabetes, Weggisgasse 40, 6000 Luzern 5, E-Mail: diabetes@bluewin.ch


Quelle: Prisma 3/2001 (Roche Diagnostics)