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Tabletten und Diabetes mellitus Typ 2


Ziel einer Therapie des Diabetes mellitus mit Medikamenten ist es, den Stoffwechsel so gut zu kontrollieren, dass möglichst normale Werte des Blutzuckers, des Blutdrucks und der Blutfette erreicht werden.

 

Blutzucker-Normbereiche (kapilläres Vollblut)
nüchtern, vor den Hauptmahlzeiten: unter 5.3 mmol/L
60-90 Minuten nach dem Essen: unter 7.8 mmol/L
2 Stunden nach dem Essen: unter 6.7 mmol/L
Gedankenstütze: 5.3 55; 7.8 77; 6.7 66

 

Hier interessiert uns die Therapie des Blutzuckers. Wichtig ist aber auch die Kontrolle des Blutdrucks und der Blutfette so wie jene des Körpergewichts. Wir müssen dazu einiges lernen. Wir müssen aber auch den Blutzucker regelmässig zu verschiedenen Zeitpunkten kontrollieren, um sicher zu sein, dass das angestrebte Ziel erreicht wird

Was ist das angestrebte Ziel ?

Aus vielen Studien ist bekannt, dass eine gute Blutzuckereinstellung, das heisst möglichst die Erreichung von Werten des Gesunden, die Komplikationen auf lange Sicht verhindert oder mindestens vermindert. Den Blutzucker nüchtern und nach dem Essen im Normbereich zu haben, ist das angestrebte Ziel zur Vermeidung der langfristigen Komplikationen. Kurzfristig hilft die Normalisierung des Blutzuckers, Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Unlust, Sehstörungen zu vermeiden.

Wir unterscheiden 3 wichtige Gruppen von langfristigen Komplikationen des Diabetes mellitus :

 

1. Makrovaskuläre Komplikationen

Betroffen sind die grossen Gefässe durch Arterienverkalkung. Die wichtigsten Folgen davon sind Herzinfarkt,Hirnschlag und Beinarterienverschlüsse. Hoher Blutdruck und erhöhte Blutfette sind neben zu hohem Blutzucker die Verursacher.

 

2. Mikrovaskuläre Komplikationen

Betroffen sind die ganz kleinen Gefässe in den Organen. Die Veränderungen sind für den Augenarzt im Auge sichtbar (Retinopathie). Die Folge dieser Veränderungen der kleinen Gefässe in der Niere ist die im Urin mit dem Micral-Test nachweisbare Eiweissausscheidung (Microalbuminurie). Retinopathie und Microalbuminurie sind Folge vor allem der Schädigung durch den erhöhten Blutzucker. Mindestens jährliche Kontrollen der Augen und Nieren sind notwendig. Eine von Anbeginn anhaltend gute Blutzuckereinstellung verhindert oder vermindert diese Komplikationen.


3. Neuropathische Komplikationen

Betroffen sind zuerst die Nervenleitbahnen, die Schmerz, Berührung und Temperaturveränderungen messen. Blutzuckerschwankungen und andere Stoffwechselveränderungen führen zu Störungen in der Energieversorgung und Leitfähigkeit der Nerven. Es kommt so zu verminderten oder veränderten Signalen aus den Nerven. Der Patient spürt entweder sehr heftige Schmerzen (schmerzhafte Neuropathie) oder aber er verliert zunehmend das Schmerz-, Berührungs- und Temperaturempfinden. Da die Nervenbahnen zu den Füssen am längsten sind, werden diese als erste betroffen. Offene Fusswunden sind Folge vor allem dieser so verursachten und unbemerkten Verletzungen und Fehlbelastungen. Eine von Anbeginn anhaltend gute Blutzuckereinstellung verhindert und vermindert diese Komplikationen.

Die Beschreibung dieser drei Komplikationen zeigt uns, dass eine gute, also möglichst normnahe Blutzuckereinstellung im Vordergrund der Therapie stehen muss. Damit ist die Aufgabe, die Sie und ihr Hausarzt erfüllen müssen, klar.

Zum Glück gibt es dazu verschiedene Hilfsmittel. Das wichtigste Instrument in Ihren Händen ist die Blutzuckerselbstkontrolle. Sie zeigt Ihnen, ob die durchgeführte Therapie die Zielsetzung erfüllt oder ob Änderungen notwendig sind. Ihrem Hausarzt stehen verschiedene Medikamente zur Auswahl, die ihm helfen, zusammen mit Ihnen das wichtige Ziel guter Blutzuckerwerte zu erreichen.

Ihre Selbstverantwortung ist dabei entscheidend (Ernähungskontrolle, genügend körperliche Aktivität, Gewichts- und Blutzuckerkontrolle und regelmässige Medikamenteneinnahme). Die Auswahl dieser Medikamente durch den Hausarzt folgt gewissen Regeln. Um diese zu verstehen, sollten Sie über die Zusammenhänge des Diabetes mellitus Typ 2 etwas wissen.

Auf dieser Graphik sind die Blutzuckerwerte eines Typ 2 Diabetikers in der Zeit vom 27.3. bis 20.6.2001 dargestellt. Die Werte sind gemäss der Tageszeit von 0 bis 24 Uhr eingetragen. Man sieht, dass sich die Blutzuckerwerte am Mittag und Abend vorwiegend im Zielbereich befinden, währenddem die Nüchtern-Blutzuckerwerte am morgen eindeutig erhöht sind.

Der Diabetes mellitus Typ 2 ist kein unveränderbares und gleichförmiges Krankheitsbild. Im Verlaufe der Krankheit ändern sich die Bedingungen im Körper, so dass sich Therapieanpassungen aufdrängen. Diabetes mellitus Typ 2 hat eine genetische Grundlage und äussere Faktoren wie Übergewicht und Bewegungsarmut, die zum Krankheitsbild beitragen.

Gestört ist erstens die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse als Reaktion auf einen vermehrten Glucose- (Zucker-) anstieg im Blut.

Diese Störung kann die Insulinmenge und die Geschwindigkeit der Insulinausschüttung betreffen. Der Blutzucker kann zum Beispiel nach dem Essen sehr stark ansteigen (vor allem auffallend am Morgen), da die erste Phase der Insulinausschüttung fehlt. Bei Beginn der Krankheit kann der nüchterne Blutzucker noch normal sein, der Blutzucker nach dem Essen ist aber bereits überhöht.

Ist der Blutzucker dauernd erhöht, fehlt Insulin oder die Insulinwirkung ist ungenügend. Diese zweite wichtige Störung ist die ungenügende Insulinwirkung an den Leber-, Muskel- und Fettzellen. Die Wirksamkeit des Insulins ist eingeschränkt.

Dies bedeutet, dass das vorhandene Insulin an den Zellen nicht den erwarteten Effekt hat. Diese Insulinresistenz drückt sich folgendermassen aus:

a) Die Muskelzelle nimmt auf den Insulinreiz (quasi das Drücken an der Hausglocke) zuwenig Glucose (Traubenzucker) in die Zelle auf (die Haustüre öffnen).

b) Die Leberzellen stoppen auf den Insulinreiz hin die zusätzliche Eigenproduktion von Glucose nicht genügend.

c) Die Fettzellen stoppen die Abgabe von Fettsäuren (das Ausgangsprodukt für die Glucoseneubildung der Leber) nicht in ausreichendem Masse.

 

 

Im Verlauf der Diabeteserkrankung wird es zu einem absoluten Insulinmangel kommen. Die Bauchspeicheldrüse produziert nicht mehr genügend Insulin. Der Ersatz von Insulin wird notwendig. Die Regeln dazu werden wir Ihnen in einer der nächsten Prisma Ausgaben erklären.

Die Folge all dieser Störungen ist ein erhöhter Blutzucker (=Glucosespiegel im Blut), da die Glucose nicht rasch genug wegtransportiert oder die körpereigene Glucoseproduktion unzureichend gestoppt wird.

Aus dem Verständnis dieser Mechanismen wird die Therapie gewählt. Grundlage ist der Gewichtsverlust (möglichst Erreichen eines Normgewichtes oder eines Bauchumfangs unter 89 cm für die Frau, 101 cm für den Mann).

Dazu braucht es auch die tägliche Ausdaueraktivität (Ziel: täglich 40 bis 90 Minuten ohne Pause marschieren, velofahren, schwimmen etc).

 

Folgende Medikamente können nun eingesetzt werden:


1. Medikamente, die zu einer Gewichtsverminderung beitragen


2. Medikamente, die die Aufnahme von Glucose im Darm verlangsamen und damit den Glucoseanstieg im Blut verzögern.


3. Medikamente, die die Glucoseproduktion der Leber bremsen und die Aufnahme von Glucose in die Zellen fördern.

4. Medikamente, die den Fettstoffwechsel und die Glucoseverarbeitung in der Zelle beeinflussen und damit zu einer verbesserten Insulinwirkung beitragen.

5. Medikamente, die die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse mit kurz- oder langdauernder Wirkung ankurbeln und damit die zur Verfügung stehende Insulinmenge erhöhen.


6. Insulin, das fehlende Insulin wird durch das mehrfache tägliche Spritzen von Insulin ersetzt.

 

 

Dr. med. Frank Achermann, Schwerpunktpraxis Diabetes, Weggisgasse 40, 6000 Luzern 5, E-Mail: diabetes@bluewin.ch

Quelle: Prisma 3/2001 (Roche Diagnostics)