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Allgemeine Info zu Diabetes Typ 2


Mit Diabetes lässt sich gut leben


In der Schweiz sind rund 200 000 Menschen von der Zuckerkrankheit betroffen. Bei rund jeder fünften Konsultation beim Arzt sind Fragestellungen über Diabetes vorhanden. Festzustellen ist, dass allgemein in der Bevölkerung ein Unwissen oder ein Schreckensbild über die Zuckerkrankheit herrscht. Dabei ist zuwenig bekannt, dass sich mit Diabetes bei guter Lebensqualität leben lässt. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die Betroffenen mit der Krankheit auseinandersetzen und vom Hausarzt beraten und begleitet werden. Es bedeutet auch, aus eigener Initiative, Essens- und Aktivitätsgewohnheiten bewusster in das Alltagskonzept einzubeziehen.


Der nachfolgende Beitrag hat das Krankheitsbild des Alterszuckers (Diabetes mellitus Typ II) zum Inhalt. In einem Gespräch mit dem Luzerner Diabetes-Spezialisten Dr. Frank Achermann soll versucht werden, das vielfach vorhandene Schreckensbild abzubauen und aufzuzeigen, dass der ärztliche Befund „Diabetes mellitus Typ II" keine Horrormitteilung ist. Die Diagnose bedeutet vor allem, dass gewisse Lebensgewohnheiten der neuen Situation angepasst werden müssen. Auf den Speiseplan und regelmässige körperliche Aktivität muss geachtet werden.. Dadurch lässt sich die Gesundheit zurückgewinnen und erhalten.

Einleitend Grundsätzliches zur Krankheit:

Durch die Verdauung wird im Darm Glukose (Traubenzucker) aus Stärke gebildet. Ueber die Blutbahn wird dieser Energielieferant an die Körperzellen des Muskel- und Fettgewebes herantransportiert und dort eingeschleust. Zum Einschleusen der Glukose in die Zellen wird Insulin benötigt. Dieses wird in der Bauchspeicheldrüse auf den Reiz eines erhöhten Blutzuckers gebildet und direkt ins Blut abgegeben.. Fehlt dieses lebenswichtige Hormon, oder wird es nur in unzureichender Menge von der Bauchspeicheldrüse gebildet oder kann es aus verschiedenen Gründen an der Muskel oder Fettzelle nicht aktiv werden, dann wird zuwenig oder keine Glukose in die Zellen aufgenommen . Die Glukose (Traubenzucker) sammelt sich im Blut an und lässt den Blutzucker ansteigen. Den Zellen wird somit zuwenig Energie zugeführt. Der „Zucker" erreicht zu hohe Werte im Blut und wird über die Nieren mit dem Wasser abgeführt (Diabetes heisst hindurchlaufen, mellitus heistt honigsüss).

Insulinmangel oder ungenügende Funktion des Hormons an der Zelle hat einen tiefgreifenden Einfluss auf andere Körperfunktionen.Die Zuckerkrankheit zieht den gesamten Stoffwechsel und alle wichtigen Organe wie Herz, Arterien, Nieren, Augen und Nerven in Mitleidenschaft .

Die häufigste Todesfolge der ungenügend behandelten Zuckerkrankheit ist jedoch durch die Arterienverkalkung bedingt der Herzinfarkt und der Hirnschlag.Betroffen sind jedoch auch die Sehnerven (Nachlassen des Sehvermögens bis zur Erblindung.) Die meisten Amputationen und der grösste Teil der Erblindungen in der Schweiz sind Folgen eines langfristig ungenügend kontrollierten Diabetes.

Diese Folgeerscheinungen der Zuckerkrankheit lassen sich weitgehend vermeiden. Gewichtsreduzierung und sportliche Aktivität können einerseits den Ausbruch der Krankheit verhindern und anderseits bei schon bestehendemr Diabetes der Verschlechterung entgegenwirken. .

Die Medizin unterscheidet zwei Arten von Zuckerkrankheiten: Diabetes Typ I = Jugendliche -Zuckerkrankheit (die Bauchspeicheldrüse wird schon im Kindesalter oder jungen Erwachsenenalter durch eine Entzündung zerstört und bildet so zuwenig oder kein Insulin). Davon sind etwa 10 Prozent der Zuckerkranken betroffen. Bei 90 Prozent der Diabetiker handelt es sich aber um „Alterszucker", in der Fachsprache „Diabetes mellitus Typ II". Betoffen von dieser Krankheit können bereits 30 jährige werden und nicht erst Männer und Frauen im Pensionsalter. Nur von dieser Art Diabetes ist in unserem Beitrag die Rede.

Zu erwähnen ist auch, dass die durch Diabetes verursachten Kosten in der westlichen Welt auf über zehn Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen angestiegen sind.


Dr. Frank Achermann gab der Neuen LZ Auskunft zu einigen Fragen zum Diabetes mellitus Typ II.


An welchen Symptomen erkennt man den Beginn des Diabetes?

FA: Sehr häufig bestehen anfänglich keine typischen Symptome. Durst und häufiges Wasserlassen, Müdigkeit und Sehstörungen sind bereits Zeichen einer fortgeschritteneren Krankheit.

Diabetes sollte so eigentlich nicht erst anhand von Symptomen erkannt werden. Vielmehr ist zu empfehlen, dass Frauen und Männer ab etwa dem 40. Lebensjahr sich aus eigenem Antrieb vom Hausarzt den Blutzucker (nüchtern oder 1 bis 2 Stunden nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit) untersuchen lassen. Dies ist vor allem notwendig, wenn in der Familie Alterszucker vorkommt, der oder die Betroffene übergewichtig ist (mit typischem „Bierbauch"), erhöhte Blutfette hat und eventuell sogar ein leicht erhöhter Blutdruck gemessen wurde.

Der Hausarzt spielt eine entscheidende Rolle in der Früherkennung der Diabetesveranlagung. Eine möglichst frühzeitige Diagnose ermöglicht es, durch Gewichtskontrolle, sportlichen Ausdaueraktivitäten und gezielter, gesunder Ernährung die Gesundheit zu erhalten.

Wegen der Symtomarmut und der langsamen Entwicklung der Folgeprobleme ist es häufig schwierig, (jüngere) Diabetiker zur guten Stoffwechseleinstellung zu ermuntern. Das Wohlbefinden täuscht gelegentlich auch den Hausarzt und verleitet zu weniger ernsthaften Bemühungen. Die Krankheitseinsicht des Betroffenen und die Einsicht in die Selbstveranwortung bei der Vermeidung langfristiger Komplikationen sind jedoch die Leitplanken der Therapie.

Spürbare Symptome sind meistens auch schon der Beginn der ersten Komplikationen !!!

Aus Unwissen oder Angst vor der Diagnose vermeiden viele Menschen die frühzeitige Feststellung der erhöhten Blutzuckerwerte. Es wird eine drastische Einschränkung der Lebensqualität befürchtet. Betroffen sind bei uns in der Schweiz ca. 3% (bis 4%) der Bevölkerung. Wird die Zuckerkrankheit im Frühstadium erkannt, kann sie oft sogar ohne oder nur mit unproblematischer medikamentöser Behandlung erfolgreich behandelt werden.

Einen Stoffwechsel zu haben, der schlussendlich zu Diabetes führt, hatte vor Jahrmillionen einen Sinn. Vorräte gab es kaum, dafür Hungerperioden und die täglichen stundenlangen Anstrengungen für Nahrungssuche und Ueberleben. Jene Individuuen, die bei Nahrungsüberfluss (Jagdbeute) sofort am Bauch Fett anlegen konnten, überlebten die Hungerszeit besser und gaben so ihre Veranlagung weiter. In der heutigen Zeit des Ueberflusses entwickelt sich diese Veranlagung zur zerstörerischen Kraft. Im Vordergrund der diabetischen Folgeschäden sind Herzinfarkt, Hirnschlag, Beinarterienverschluss: die Arteriosklerose schlechthin.

Der Patient geht nun aber, wie dies vielfach der Fall ist, erst zum Arzt wenn „etwas" nicht stimmt. Um nochmal auf die Frage zurückzukommen: Welche Symtome weisen darauf hin, dass es sich um die Zuckerkrankheit handeln könnte?

FA: Deutliche Merkmale für anhaltend zu hohen Blutzucker ist zum Beispiel starker Durst. Überschreitet der Blutzucker eine bestimmte Höhe, wird Zucker zusammen mit Wasser als Harn ausgeschieden. Bei diesem Vorgang verliert der Körper viel Wasser. Der Patient ist deshalb sehr durstig und muss viel Wasser nachtrinken . Weitere Anzeichen für zu hohen Blutzucker sind Mattigkeit, Müdigkeit, Unlust, Sehstörungen, Brennen in den Füssen, Durchblutungsstörungen der Beine und Juckreiz vor allem im Intimbereich.. Dies sind aber bereits die Symtome einer fortgeschritteneren Diabeteserkrankung.


Kann man denn dem Diabetes überhaupt entgegenwirken?

FA: Der Entwicklung eines Diabetes Typ II kann sehr wohl entgegengewirkt werden. Körperliche Aktivität und eine gesunde, ausgewogene Ernährung bei möglichst normalem Körpergewicht als Jugendlicher und Erwachsener tragen viel zur Gesundheit und deren Erhaltung bei. Personen, die diesem Lebenskonzept nachleben, sind jedenfalls weniger gefährdet. Was die Vererbung von Diabetes betrifft habe ich Ihnen bereits vorher die wichtigsten Hinweise gegeben.

Was ist nach Ihrer Erfahrung der Grund, warum so viele Menschen sich einem einfachen Diabetes-Test bei ihrem Hausarzt verweigern?

FA: Die Bevölkerung ist allgemein über das Krankheitsbild Diabetes ungenügend orientiert. Es werden sofort Assoziationen mit einschneidendem Verlust an Lebensqualität, extremer Diät, stark reduzierter körperlicher Leistungsfähigkeit, Erblindung und Beinamputationen heraufbeschworen.

Dies muss nicht so sein, da bei einer frühzeitigen Diagnose der möglichen Diabetesentwickulung durch die Gewichtsnormalisierung, die Umstellung des Essens auf eine gesunde (kalorienreduzierte, vegetarisch orientierte, tierisches Fett vermeidende und Eiweiss verminderte Ernährung) die normal übliche Lebensdauer und Lebensqualität erhalten werden kann. (%Anteil an den Tageskalorien : Kohlenhydrate über 50%, Fette unter 30% (davon 2/3 pflanzliche Oele, mehrheitlich einfach ungesättigt) und Eiweiss unter 20 %.).

Lautet jedoch der aerztliche Befund auf einen bereits manifesten Diabetes, dann gibt es noch einmal keinen Grund für Panik. Wichtig ist dann vor allem, dass sich der Patient mit der Krankheit auseinandersetzt, sich so gründlich wie möglich mit dem Wesen der Diabetes befasst und damit die Erkenntnis und Logik für die Anpassung seiner Lebensgewohnheiten erwirbt.

Ein Diabetes-Patient kann, begleitet von einem guten Hausarzt, ein Leben ohne einschneidende Abstriche an Lebensqualität und bei guter körperlicher Leistung führen.

Ich vergleiche die Diabetes-Therapie gerne mit einer Bergtour, die zusammen mit dem Arzt geplant wird. Gemeinsam sollen der Patient und der Arzt das Ziel (den Berggipfel) erreichen, den Weg dorthin festlegen, die für die Erreichung des Ziels erforderlichen Mittel auswählen und die möglichen Behinderungen auf diesem Weg in Betracht ziehen.

Das Ziel muss in unserem Falle sein: Beseitigung von Symptomen, Verbesserung der Lebensqualität und langfristig: Verhinderung von Komplikationen und Behandlung von Begleiterkrankungen.

Der Weg, der zum Ziele führt ist die Art der Schulung und die Verhaltensänderung in Bezug auf Ernährung und Aktivitäten.

Die Mittel sind die Motivationsstrategien zur gesunden Lebensführung, die Selbstkontrolle des Blutzuckers und der Einsatz spezifischer Medikamente.

Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Dem Diabetes kann bei Früherkennung mit guten Erfolgsaussichten mit einem gesunden Lebens- und Ernährungskonzept entgegengetreten werden. Für die bereits fortgeschrittene Zuckerkrankheit gibt es Mittel und Wege, dem Patienten zu einer guten Lebensqualität zu verhelfen. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass die Patientin, der Patient durch Selbstkontrolle und in Begleitung eines Arztes gewillt ist, dieses Ziel zu erreichen.

Eine der Horrosvisionen im Zusammenhang mit der Zuckerkrankheit sind die Insulin-Spritzen, die möglicherweise täglich mehrmals verabreicht werden müssen. Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Schmerz des Einstiches. Auch die mehrfach tägliche Blutzuckermessung macht vielen Menschen Probleme.

FA: Von einem „Horror" kann bei den zur Verfügung stehenden technischen Mitteln überhaupt nicht mehr die Rede sein. Horror ist vielmehr die schleichende und zerstörerische Wirkung des hohen Blutzuckers auf die Gefässe und Organe, ohne Schmerzen.

Man darf heute das Spritzen als praktisch schmerzlos bezeichnen. Die modernen Nadeln sind haarfein und der Einstich kaum noch spürbar. Es müssen auch keine Spritzen mehr aufgezogen und dann verabreicht werden. Eine mit Insulin vorgefüllte Mehrfachspritze, auf welche die sehr feine Nadel aufgeschraubt und mit einer Drehbewegung die Dosis präzis eingestellt wird, erleichtert das Spritzen von Insulin unter die Haut sehr. Die einem Füllhalter ähnliche „Spritze" enthält genügend Insulin für mehrere Tage (sogenannter Pen). Für die Blutzuckerbestimmung gibt es auch bereits kleine handliche Geräte, die innerhalb von 12 bis 30 Sekunden den Blutzuckerwert angeben. Der Einstich am Finger ist ebenfalls nicht mehr schmerzhaft spürbar. Urintests sind bei Diabetikern, die Insulin spritzen nicht sinnvoll, da die tiefen Blutzuckerwerte nicht erfasst werden. Auch Diabetiker mit Medikamenten, die eine Unterzuckerung verursachen können, brauchen meiner Meinung nach einen der kleinen Blutzuckermessapparate.

Wie oft täglich Insulin gespritzt werden muss, hängt von vielen Faktoren ab. Es spielen die Essengewohnheiten, das Körpergewicht, die Aktivitäten, die Verhaltensweise des Patienten und vieles mehr eine Rolle. Wichtig ist auch noch die Menge des Insulins, das die Bauchspeicheldrüse noch produziert. Wie bereits am Beispiel „Bergtour" gezeigt, führen viele Wege zum Ziel der guten Lebensqualität. Der Weg zu diesem Ziel und die Mittel müssen zusammen mit dem Arzt individuell erarbeitet werden. Eine grosse Hilfe kann dabei auch die Mitgliedschaft in der Schweizerischen Diabetesgesellschaft oder der Schweizerischen Diabetesstiftung sein. Beide, die Gesellschaft wie die Stiftung, sind in Luzern aktiv und sind den Mitgliedern eine wertvolle Hilfe. Beratungen werden auch in den öffentlichen Spitälern und Privatkliniken angeboten. Mehrere Aerzte in der Zentralschweiz engagieren sich für die Betreuung der Diabetiker bei Spezialfragen auf Zuweisung und in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt.

Die erfolgreiche Behandlung des Diabetes erfordert vom Arzt einerseits gründliche Kenntnisse der Krankheit und anderseits einen aktuellen Wissensstand über den Fortschritt der Medizin. Kann der Hausarzt diese Kriterien erfüllen?

FA: Zweifellos kommt dem Hausarzt bei der Erkennung des Diabetes eine entscheidende Schlüsselrolle zu. Der Diabetes-Wissensstand vieler Hausärzte ist zudem recht hoch und aktuell. Natürlich kann bei der Vielzahl von Krankheiten der Hausarzt nicht in allen Fachgebieten Spezialist sein. Er wird deshalb bei Bedarf den betroffenen DiabetikerIn an einen Spezialisten überweisen. Gerade auf dem Fachgebiet der Zuckerkrankheit wird viel Forschungsarbeit geleistet und die Therapien werden laufend ergänzt. Diabetes ist eine chronische Krankheit, die eine langjährige Betreuung bedarf. Betroffen ist der Mensch als Ganzer. Unser Hausarztsystem hat die Vorteile des gegenseitigen Vertrauens, der Kenntnis der Familie und der Lebensumstände. Der frei wählbare Hausarzt ist Ihr Partner als Betreuer bei Diabetes.

Welches sind Ihre Ratschläge, die Sie unseren Leserinnen und Lesern in erster Linie erteilen?

FA: Der wichtigste Ratschlag ist zweifellos die Aufforderung bei Uebergewicht, Inaktivität und familiärer Belastung, aus eigener Initiative beim Hausarzt ab dem 40. Altersjahr eine Blutzuckerbestimmung zu machen lassenoder zumindest eine diesbezügliche Empfehlung des Hausarztes nach weiteren Untersuchungen nicht abzulehnen. Ein ausgeglichenes Lebenskonzept mit einer gesunden Ernährung und einem gewissen Mass an körperlicher Aktivität trägt dazu bei, dass ein normaler Stoffwechsel stattfindet und die natürliche Insulinproduktion und Insuliwirkung gewährleistet ist.

Und als zweiter wichtiger Ratschlag: Ist ein Diabetes vorhanden oder gar in bereits fortgeschrittenem Stadium entwickelt sollte der Patient, die Patientin dringend auch darauf achten einen möglichst normalen Stoffwechsel mit möglichst normalen Blutzuckerwerten einzuhalten. Eine spezialärztlichen Behandlung könnte in Absprache mit dem Hausarzt notwendig sein.Die individuell abgestimmte Therapie bringt nicht nur eine gute Lebensqualität zurück, sondern beugt vor allem auch gravierenden Spätfolgen wie Amputationen oder Erblindungen vor. Vor allem darf aber die Angst vor dem Spritzen kein Grund für ein Herausschieben der Diabetes-Behandlung sein. Die damit verbundenen leichten Unannehmlichkeiten durch eine genügende Behandlung mit Insulin stehen in keinem Verhältnis zu den Verbesserungen der Lebensqualität und Vorbeugungen der Spätfolgen.