
Fachspezifische Info zu Diabetes Typ 2
Ärztliche Führung und Kontrolle des Typ II Diabetikers
Von Dr. med Frank Achermann
Der Zeitpunkt der Diagnosestellung des Diabetes mellitus II ist meist der Umschlagspunkt des asymptomatischen metabolischen Syndroms in eine klinisch fassbare, häufig symptomatische Erkrankung.
Der genetische Mechanismus, der ursprünglich Überlebensvorteile in den wechselnden Zeiten mit Hungersnot und gelegentlichem Nahrungsüberfluss bot, führt heute durch das Ernährungsmuster in der Überflussgesellschaft über das metabolische Syndrom zur Entgleisung des Stoffwechsels mit zerstörerischen Folgen, vor allem im Bereich der Gefässe. Fassbar werden die androide Adipositas, die Hypertonie, die Macroangiopathie, die Dyslipidämie und der gestörte Glukosestoffwechsel.
Der Patient mit Diabetes mellitus II ist in seinem Lebensstil bereits festgelegt, und eine Änderung seines Verhaltens zu erreichen, ist sehr schwierig. Grundsätzlich geht es in der Führung des Patienten darum, ihn dazu zu bringen, von sich aus in eine „Hungersnot" einzutreten. Damit verbunden sind Gewichtsabnahme, Ernährung mit kleinen Portionen, Zusammensetzung der Mahlzeiten aus möglichst naturbelassenen Lebensmitteln (somit Verzicht auch auf Zucker und Fette und zuviel Eiweiss). Die zweite entscheidende Massnahme ist die Wiederaufnahme körperlicher Aktivität.
Um den Patienten mit Diabetes mellitus II zu erreichen und eine Verhaltensänderung zu bewirken, muss ich als Arzt von ihm wissen, was die Grundlagen seiner Lebensqualität sind (Was macht ihn zufrieden? Welchen Einfluss hat sein berufliches und soziales Umfeld?) Es ist wichtig zu wissen, inwieweit der Patient von sich überzeugt ist, die äusseren Umstände selbst beeinflussen zu können und welche Fähigkeit er sich selbst zuschreibt, sein Leben zu ändern. Nur aus solchem Wissen um den Patienten kann eine erfolgreiche Strategie zur Änderung seines Verhaltens mit ihm zusammen aufgebaut werden.
Richtlinien für den Arzt
Ausgehend von der Vorstellung, dass die Führung des Patienten mit Diabetes mellitus II einer begleiteten „Bergtour" gleicht, können vom „Bergführer" Kenntnisse über folgende Fakten erwartet werden:
| das Ziel |
Beseitigung von Symptomen Verbesserung der Lebensqualität langfristig: Verhinderung von Komplikationen Behandlung von Begleiterkrankungen |
|---|---|
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den Weg, der zum Ziel führt sowie die Orientierungspunkte / Wegmarken |
Schulung und Verhaltensänderung in Bezug auf Ernährung und Aktivität Gewicht, Blutdruck, Cholesterol (HDL-Cholesterol), HbA1c |
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die Mittel, die anzuwenden sind, um das Ziel zu erreichen |
Motivationsstrategien zur gesunden Lebensführung Selbstkontrolle des Blutzuckers, vor allem postprandial |
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die Möglichkeiten, Behinderungen und Eigenarten des Mitreisenden |
Ausmass der möglichen körperlichen Aktivität Aufgabe des Rauchens soziales Trinken, Essen |
Die Betreuung und Begleitung des Patienten mit Diabetes mellitus II betrifft nicht nur den Glukosestoffwechsel.
Wichtige Aspekte der Gesundheit sind die Kontrolle
Checklisten
Die folgenden Checklisten sollen helfen, den Patienten mit Diabetes Typ II zu führen. Wichtig erscheint mir neben der psychologischen Führung und Kommunikationsfähigkeit des Arztes eine geordnete Datensammlung. Die Tabelle am Ende des Kapitels kann als Vorlage dienen. Eine andere Möglichkeit bietet eine elektronische Datensammlung mit Diabcare for windows/Prodiab. Die Zukunft des Patienten hängt davon ab, wie Sie als Arzt das Qualitätsmanagement führen.
Zielsetzung der Behandlung
Anleitungen für den Patienten
Erste Konsultationen
Verlaufskontrollen
1. Zielsetzung der Behandlung
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Patientenseite |
Arztseite |
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Beseitigung von Symptomen |
Verhaltensänderung Gewichtreduktion |
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Subjektives Wohlbefinden |
Stoffwechselparameter möglichst in der Norm |
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Wissen um Zusammenhänge Ernährung - Blutzucker |
Adäquates Schulungskonzept Ernährung |
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Kennen der Spätkomplikationen Selbstkontrolle der Füsse |
Erklären, Therapie und Kontrolle der Spätkomplikationen Kontrolle Füsse, BD, |
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Therapieziele einhalten |
Therapieziele kontrollieren |
Bei Krankheitsbeginn und bei jeder Jahres- und Quartalskontrolle sollten Therapieziele formuliert und kontrolliert werden
Inhalt:
Diese Ziele variieren je nach Alter des Patienten, Diabetesdauer, Interventionsmöglichkeiten, zusätzlichen Krankheiten und sozialem Umfeld.
2. Anleitungen für den Patienten
(Was der Patient wissen und umsetzen sollte)
Der Patient kennt die Behandlungsziele und Kriterien einer guten Stoffwechseleinstellung.
Er kann die Blutzuckerkontrolle selbständig durchführen und beurteilen.
Er kann das angeeignete Wissen über Ernährung umsetzen (Nahrungsauswahl/Menge)
Er hat ein tägliches bis mehrmals wöchentliches Sportprogramm (Ausdauertraining) und kennt die Bedingungen für sinnvolle Aktivitäten (Herzfrequenz, Borg, aerobes Training)
Er kennt die Wirkungweise und Dosisanpassungen möglicher Medikamente
Er weiss welche Situationen ärztliche Hilfe oder erneute Beratung erfordern
3. Erste Konsultationen
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Anamnese |
Untersuchung |
Labor |
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Internistische Anamnese |
Internistischer Status |
Diagnose Diabetes |
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Familienanamnese,*) vor allem Diabetes II., Herzinfarkt, zerebrovask. Insult |
Körpergewicht (BMI) Blutdruck (rechts und links) Zeichen der Makroangiopathie klinisch KHK. PAVK, CVI |
Blutzucker nüchtern sowie (eine und) zwei Stunden postprandial HbA1c Cholesterol, HDL, Triglyzeride Harnsäure |
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Ernährungsgewohnheiten Seit wann Übergewicht? Ernährungsliste über eine Woche (siehe vorne) |
Zeichen der Neuropathie: Sensibel: Autonom: |
Kreatinin Mikroalbuminurie (auch Einfluss BD)/ Proteinurie evtl. Kreatininclearance |
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Aktivitätsverhalten jetzt und früher |
Zeichen der Nephropathie |
je nach Klinik: EKG Belastungs-EKG 24-Std.Blutdruck Doppler/Duplex der Arterien (Beine, ev. Hals-Kopfgefässe) |
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Rauchen, früher und jetzt |
Zeichen der Retinopathie Fundus/ Augenarztkontrolle ! |
je nach Klinik: Thoraxröntgen Herzszintigrafie |
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Krankheitseinsicht Kompetenzverhalten und Selbstüberzeugung |
Kontrolle der Füsse auf Druckstellen, Fehlbelastung, Mykose, Schuhe |
je nach Klinik: weiterreichende Untersuchungen, neurologisch, gastroenterologisch |
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Festlegen eines Behandlungziels Gewicht Ernährung Aktivität |
Festlegen eines Behandlungziels Selbstkontrolle Blutzucker Füsse BD |
Festlegen eines Behandlungziels BZ-werte nüchtern. HbA1c Cholesterol |
Sinn von Anamnese. Untersuchung und Labor ist, ein Datenset zu erhalten als Ausgangspunkt für die Behandlungs- und Therapieziele (immer nur kleine Schritte !!). Dies geschieht immer in Zusammenarbeit mit dem Patienten und mit dessen klarer Einwilligung zur Zielsetzung. Der Patient muss wissen, was er zu erwarten hat und wie er zum Ziel kommen kann.
*) Es ist an eine frühzeitige Intervention bei weiteren Familienmitgliedern mit möglichem metabolischem Syndrom zu denken ! (Nachfragen!)
4. Verlaufskontrollen
Vorgehen in der Praxis bei Folgekonsultationen
Angelpunkt der diabetologischen Folgekonsultation ist die Kontrolle der festgelegten Behandlungsziele. Wurden diese nicht erreicht, waren die Schritte zu gross, die Erklärungen ungenügend oder den Verhältnissen des Patienten nicht angepasst. In einer Neuformulierung sind diese Ursachen zu berücksichtigen.
KONTROLLHEFT ANSCHAUEN und daraus folgendes Vorgehen wählen:
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Verlaufskontrollen |
Besprechen |
|---|---|
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Gewicht Blutzucker nüchtern Blutzucker postprandial Selbstkontrolle Blutzucker (Häufigkeit und Zeitpunkt) und evtl. BD |
Zusammenhang zur Einstellungsqualität Zielbereich formulieren lassen, erklären, wieso am Morgen meist höher als am Abend. Zusammenhang zwischen komplexen KH und Bzanstieg. 1Std-.wert ist am höchsten Korrelation zur Nahrungsaufnahme Blutdruck |
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Medikamenteneinnahme erklären lassen (häufig eigene Muster der Einnahme) Nebenwirkungen erfragen |
Therapie überprüfen, evtl. Absetzen oder ergänzen Ziel: Blutzucker nüchttern/pp im Zielbereich NW-Spektrum und Halbwertszeit vor allem bei SH erklären (Hypos!) |
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HbA1c alle 3-6 Monate |
In Verbindung mit Selbstkontrolle bringen, evtl. Häufigkeit und/oder Zeitpunkt der Selbstkontrolle ändern. |
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Cholesterol, HDL, Triglyzeride Mikroalbumin, Proteinurie alle 6-12 Monate |
Makroangiopathie nachfragen und nachkontrollieren |
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Körperliche Aktivität angeben lassen |
Körperliche Aktivität: und kardioprotektive sowie Stoffwechsel- verbessernde Wirkung und subj. Wohlbefinden nachweisen, Trainingsanleitung: minimal zusätzlich 2000 kcal/Woche. |
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Füsse. Wie und wie oft kontrolliert durch Angehörige ? Pedicure durch wen? |
Füsse inspizieren, neurologisch untersuchen, Schuhe beurteilen |
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andere Krankheiten erfragen Symptome einordnen |
evtl. zusätzliche Kontrollen, Untersuchungen. Nicht alle Symptome auf den Diabetes oder die schlechte Einstellung zurückführen!!! |
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Behandlungsziele neu festlegen |
Behandlungsziele neu festlegen |